Unser Blog
Reitkunst auf Augenhöhe
Hier findest du Blogartikel zu spannenden Themen rund um feine, gesunderhaltende Pferdearbeit – Gedanken aus unseren Podcastfolgen, Erfahrungen aus dem Training und alles, was uns auf dem gemeinsamen Weg mit dem Pferd bewegt.
Aus unserer Podcastfolge
Sechs Sprüche, die jeder Pferdemensch kennt – und warum sie nicht stimmen müssen
In unserer aktuellen Folge haben wir über sechs Dinge gesprochen, die wir in der Pferdewelt gerne normalisieren würden. Hinter jedem dieser Punkte steckt ein Satz, den vermutlich jede und jeder von uns schon mal gehört hat – auf dem Hof, im Stall, am Reitplatz. Hier nehmen wir sechs dieser Sprüche genauer unter die Lupe.
Manche Sätze sagt man so dahin, weil man sie selbst hundertmal gehört hat. Sie klingen nach gesundem Pferdeverstand – und halten sich gerade deshalb so hartnäckig. Wir haben sechs davon zusammengetragen, augenzwinkernd zitiert und dann ehrlich eingeordnet. Es geht uns dabei nicht ums Belehren, sondern um eine faire, pädagogisch durchdachte Ausbildung, die Pferd und Mensch gleichermaßen gerecht wird.
1„Was machst du denn da am Boden – willst du nicht reiten?"
Der Spruch
„Bodenarbeit? Das ist doch was für junge Pferde oder die Reha. Komm lieber rauf und reite."
Es ist erstaunlich: An vielen Reitställen ist es bis heute nicht selbstverständlich, am Reitplatz mit dem Pferd am Boden zu arbeiten – manchmal ist es schlicht nicht erlaubt, und nicht selten wird man dafür belächelt. Dabei ist Bodenarbeit kein Lückenfüller für Tage, an denen das Reiten „gerade nicht geht".
Bodenarbeit ist ein elementarer Bestandteil guter Pferdeausbildung – für jedes Pferd. Wer reiten möchte, muss dafür sorgen, dass Bewegungsabläufe und Muskulatur so trainiert sind, dass das Pferd uns möglichst gesund tragen kann. Würden wir sechs, sieben Tage die Woche einfach nur reiten, ließen sich unsere Pferde gar nicht so gesund erhalten, wie es abwechslungsreiches Training mit vielfältigen Impulsen ermöglicht. Dazu kommt die pädagogische Ebene: Am Boden können wir dem Pferd die Reiterhilfen in Ruhe erklären. Genau dieser Übertrag vom Boden ins Reiten ist der Grund, warum das Einreiten gut vorbereiteter Jungpferde so unspektakulär und sanft verlaufen kann. Wer am Boden arbeitet, drückt sich also nicht vor dem Reiten – er bereitet es vor.
2„Ohne Ausbinder macht das Pferd den Kopf doch gar nicht runter"
Der Spruch
„Ohne Ausbinder bewegt sich das Pferd nicht gesund – es weiß ja gar nicht, wie es den Kopf fallen lassen soll."
Diesen Spruch kennt jeder, der schon mal an der Longe stand. Dabei haben Ausbinder beim Longieren aus unserer Sicht keinerlei Nutzen für die Gesunderhaltung – im Gegenteil. Eine starre Konstruktion, die den Kopf fixiert, kann auf körperlicher wie psychischer Ebene schaden, vor allem wenn eine Haltung zu lange und zu intensiv erzwungen wird oder das Pferd körperlich noch gar nicht bereit ist, sie zu tragen. Umgekehrt machen ein paar Runden mit höher getragenem Kopf ein Pferd nicht „kaputt".
Oft entstehen Ausbinder aus Hilflosigkeit – aus der Angst vor einer vermeintlich „falschen" Haltung und der Unsicherheit, wie man es dem Pferd sonst erklären soll. Dabei ist es kein Hexenwerk, einem Pferd das Vorwärts-Abwärts an der Longe pädagogisch beizubringen. Longieren ist für uns eine Erweiterung der feinen Kommunikation: Wir hängen das Pferd nicht an die Longe, damit es um uns herumläuft, sondern wir haben vorher einen Hilfenrahmen erarbeitet, der uns auch auf Distanz hilft, das Pferd in Balance zu unterstützen. „Lauf in Balance, löse dich vorwärts-abwärts, finde in eine leichte Biegung" – das kann jedes Pferd und jeder Mensch lernen, ganz ohne Hilfszügel.
3„Das Pferd muss mit drei angeritten werden, sonst wird's zu stark"
Der Spruch
„Wenn du zu lange wartest, wird das Pferd zu stark und die Ausbildung nur noch schwieriger."
Auch das hört man oft. Und gleichzeitig kennt fast jeder dieses eine Pferd, das mit sechs schon fliegende Wechsel zeigte – und mit zehn lahm und unreitbar war. Das ist kein Zufall. Faire Pferdeausbildung braucht Zeit, und sie braucht die Offenheit dafür, dass etwas so lange dauern darf, wie es nötig ist.
Wer behauptet, ein Pferd in acht Wochen komplett und „für das ganze Pferdeleben" auszubilden, übersieht, dass sich Muskulatur, Sehnen und Bänder erst an neue Anforderungen anpassen müssen – und dass dieser Umbau seine Zeit braucht, ganz unabhängig davon, wie talentiert das Pferd ist. „Langsam" heißt hier nicht, dass das Pferd schlecht lernt, sondern dass es nachhaltig lernt. Genauso wichtig: den gemeinsamen Weg lieben, nicht nur das Ziel. Wer nur glücklich ist, wenn ein bestimmtes Ziel erreicht ist, wird mit seinem Pferd selten zufrieden – denn es ist immer ein Auf und Ab. Dazu gehört auch eine gesunde Fehlerkultur: Fehler zu machen und daraus zu lernen ist Teil jeder Entwicklung.
4„Sowas kannst du mit deinem Haflinger doch nicht machen"
Der Spruch
„Reitkunst – das ist was für den temperamentvollen Spanier. Mit so einem gemütlichen Pony geht das nicht."
Man sieht in Videos die imposanten barocken oder spanischen Hengste in der versammelten Arbeit und ist sich plötzlich nicht mehr sicher, ob das mit dem eigenen Haflinger, Tinker oder Kaltblut überhaupt funktionieren kann. Die gute Nachricht: Man braucht kein teures Dressurpferd, um sein Pferd gymnastizierend zu arbeiten.
Über die Jahre durften wir Menschen mit den unterschiedlichsten Pferden kennenlernen – vom Mini-Shetty über Kaltblut und Tinker bis zum Spanier. Es geht nicht um die Rasse und schon gar nicht um die Optik. Natürlich darf man rassetypisch denken und die Hilfengebung anpassen, und natürlich gibt es bei körperlichen Einschränkungen Übungen, die man nicht mehr machen sollte. Doch immer wieder überraschen uns gerade jene Pferde, denen man es vom Körperbau her vielleicht nicht zugetraut hätte. Wenn Pferd und Mensch Freude an der gemeinsamen Arbeit haben, sind die Grenzen erstaunlich weit gesteckt. Reitkunst ist keine Frage der Abstammung – sie ist für jedes Pferd da.
5„Stell dich nicht so an, das hast du gleich"
Der Spruch
„Ein guter Reitlehrer muss auch mal laut werden – Absatz tief, mehr Stellung, und jetzt durch!"
Fast jeder kennt sie: Reitlehrerinnen und Reitlehrer, die beschämen statt begleiten, die schreien, und die immer wieder dieselben Floskeln wiederholen, ohne dafür zu sorgen, dass man sich wohl und sicher fühlt. Guter Reitunterricht besteht aber nicht aus aneinandergereihten Kommandos, sondern sollte pädagogisch durchdacht aufgebaut sein.
Der klassische Kommando-Unterricht ist riskant: Wenn ständig über Grenzen hinweggegangen wird – egal ob man gerade Angst hat oder überhaupt versteht, warum –, verliert man das Vertrauen in sich selbst und in den Menschen in der Mitte, dem man sich anvertraut. Wer unterrichtet, trägt Verantwortung, und die geht weit über Floskeln hinaus. Ein gutes Zeichen für guten Unterricht: Man kann jederzeit erklären, warum man gerade etwas tut – warum genau diese treibende Hilfe, warum genau in diesem Moment. Bei uns dürfen deshalb jederzeit Fragen gestellt werden, und wir werden nicht müde, Dinge auf immer neue Weise zu erklären – denn es gibt unterschiedliche Lerntypen, bei Menschen wie bei Pferden.
Der eigentliche Fortschritt entsteht zwischen den Unterrichtsstunden – dort, wo man als Pferdemensch auf sich allein gestellt ist.
Und genau hier wird es spannend: Die Reitstunde ist oft nur eine Momentaufnahme. Was danach passiert, wenn man allein auf dem Platz steht und sich fragt „Mache ich das jetzt eigentlich richtig?", entscheidet darüber, ob aus einem schönen Moment echtes, nachhaltiges Können wird. Allein übt man leicht falsche Bewegungsmuster ein, wird unsicher, verliert die Motivation – nicht aus mangelndem Fleiß, sondern weil das Feedback fehlt.
6„Da musst du dich mal richtig durchsetzen"
Der Spruch
„Sonst tanzen dir die Pferde auf der Nase herum. Das hat einfach nur keinen Bock – jetzt zeig ihm mal, wer der Chef ist."
Vielleicht der bekannteste Spruch von allen. Den Druck so lange zu erhöhen, bis das Pferd weicht, mag kurzfristig zum gewünschten Ergebnis führen – aber gelernt hat das Pferd dabei nichts. Diese Logik stammt aus einem Denken, das stark daran angelehnt ist, wie Pferde sich untereinander in der Herde verhalten. Dabei wird übergangen, dass wir ganz andere Lebewesen sind und anders denken als Pferde.
Statt den Druck zu erhöhen, lohnt sich Kreativität. Wir versuchen immer, dem Pferd möglichst schnell zur richtigen Antwort zu verhelfen, denn Pferde werden frustriert und demotiviert, wenn sie nicht verstehen, was sie tun sollen. Reagiert ein Pferd auf eine Hilfe nicht, ist es unsere Aufgabe, sie anders zu erklären – etwa den Kopf leicht nach außen zu führen, damit das Pferd von sich aus mit der Hinterhand weicht, oder über eine Volte in die gewünschte Biegung zu kommen und das Pferd dann zu loben. Denn so wie bei uns Menschen gilt auch beim Pferd: Unter Stress, Angst und Druck findet kein nachhaltiges Lernen statt. „Keinen Bock" ist fast nie Frechheit – meistens ist es Unverständnis, Überforderung oder Unsicherheit.
So begleiten wir dich künftig auch zwischen den Stunden
Du hast es vielleicht in Punkt 5 schon herausgelesen: Der wahre Fortschritt passiert dann, wenn keine Trainerin daneben steht. Genau da setzen wir an. Wir begleiten unsere Schülerinnen und Schüler künftig noch intensiver zwischen den Einheiten – mit einem modernen Lernkonzept, das verschiedene Lerntypen abholt und dir Sicherheit gibt, wenn du allein mit deinem Pferd arbeitest.
So wird aus „Mache ich das eigentlich richtig?" ein klares, gutes Gefühl – egal mit welchem Pferd und an welchem Punkt deiner Ausbildung du stehst.
Mehr über unser Angebot erfahrenUnd ihr?
Das waren unsere sechs Sprüche – und wir sind sicher, es gibt noch viel mehr. Welchen Satz hört ihr in der Pferdewelt immer wieder, und welchen würdet ihr gerne aus dem Stallalltag verbannen? Schreibt uns gerne per Mail oder über Social Media. Wir freuen uns über euren Input und hoffen, ihr konntet etwas Wertvolles für euch mitnehmen.
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Es gibt uns auch auf die Ohren
Dieser Beitrag stammt aus unserem Podcast „Reitkunst auf Augenhöhe". Wenn du magst, hör doch direkt rein – du findest uns auf Spotify und Apple Podcasts. Abonniere uns gern, dann verpasst du keine neue Folge.